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INES VALENTINITSCH "Be you to the full" 10.5. - 10.7.2025

INES VALENTINITSCH "Be you to the full" 10.5.  - 10.7.2025

Ines Valentinitsch, Ausstellungsansicht mit dem Triptychon "Veronica" (Öl auf Spiegel, 2025, 200 x 300 cm) und "Face off" (Aquarell auf Leinwand, 2025, 150 x 100 cm). Foto: Alexandra Gschiel

Ines Valentinitsch (*1972, Graz) kann man als kreatives Chamäleon bezeichnen. Wie ihr Meisterklassen Professor Helmut Lang findet sie ihre wahre Bestimmung im Kunstschaffen, und das seit ihrer frühen Jugendzeit. Als Gymnasiastin in Graz nimmt sie an einer Gruppenausstellung im Haus der Kunst teil. Günter Brus erkennt ihr Talent, kontaktiert ihre Eltern und bietet sich als Privatlehrer an.
Die Arbeit mit dem großen Meister verstärkt ihre Leidenschaft für die Malerei. Auf Brus´ Anraten besucht sie die Ortweinschule. Ihre erste große Präsentation hat Ines Valentinitsch 1995 im Joanneum Ecksaal in Graz. In Wien studiert sie auf der Hochschule für angewandte Kunst und macht ihren zweiten Abschluss an der Domus Academy. In Mailand ist sie geblieben, wo sie seit 1998 mit ihrem Mann und ihren vier Kindern lebt.
Ines Valentinitsch durchlebt eine intensive malerische Entwicklung, die sie in den performativen Malakt führt. „Befreiung von äußeren und inneren Zwängen“ ist zentrales Thema ihres künstlerischen Handelns - seit 2022 zu erleben in Live-Performances und Ausstellungen in Pavia, Venedig, Mailand, München und Wien (Semper Depot).
Auf Einladung der Galerie ROOM OF FINE ARTS betritt Ines Valentinitsch am 10. Mai 2025 erstmals in ihrer Heimatstadt Graz die Bühne und begeistert mit einer Live-Performance am Eröffnungsabend ihrer Ausstellung „Be you to the full“ sowie einer 3-stündigen Performance im Rahmen der Galerientage Graz.
„Internationales Niveau“, beschreibt Eugen Lendl, Dojen der heimischen Kunstszene, die Malaktionen, Gemälde und Zeichnungen von Ines Valentinitsch.
Ein großer Dank gilt Monika Holzer-Kernbichler für ihren kunsthistorischen Text und die Ansprache bei der Ausstellungseröffnung von Ines Valentinitsch! Martina Schafschetzy

 

Ines Valentinitsch, "Butterfly", 2025. Öl auf Leinwand, rückseitig signiert, 200 x 148 cm

Dr. Monika Holzer-Kernbichler:
INES VALENTINITSCH
BE YOU TO THE FULL

Die Bewegung des fremden Körpers im Klang der Musik überträgt sich durch die Wahrnehmung des Ausdrucks in direkter Übersetzung verinnerlicht auf das Bild. Körper, Licht, Schatten, Farbe alles ist reduziert auf das Wesentlichste. Der gemeinsame Moment erzeugt die Energie, die Ines Valentinitsch in raschen, kleinformatigen Zeichnungen skizzenhaft festhält und in Körpergröße lasierend auf die Leinwand fließen lässt. Die Farbe ist im Fluss wie die Tänzerin selbst, ihre Bewegungen entstehen in Reaktion auf die Musik, die ihrerseits auf die Bewegungen antwortet. 

Die Performance lebt vom gemeinsamen Moment, vom sich aufeinander einlassen in der Zeit und im Raum vom Sehen, Spüren, Hören und Übersetzen auf die Leinwand. Unausgesprochen kommunizieren die beiden Künstlerinnen entlang der Musik.

Der historische Raum des Palais Dietrichstein in Graz ist abgedunkelt unter der barocken Seccomalerei, die inmitten des üppigen Stucks die Metamorphosen des Ovid nur mehr erahnen lässt. Im Schwarz des Raumes gibt das sanfte Licht punktuellen Fokus auf die sich bewegenden Körper. Im Hintergrund läuft eine filmische Spiegelung der Situation. Frauenkörper interagieren, unbekleidet, teils im Schatten, teils in einzelnen Szenen überblendet, alles in Schwarz und Weiß. 

Eine Stimme ist zu hören, die sanft „be you to the full“ so lange wiederholt, bis nur mehr be-au-ti-ful zu hören ist. 

Raum
Ines Valentinitsch wählt für ihre Performences die Räume sehr gezielt aus. Gemeinsam ist ihnen der historische Rahmen, der nicht perfekt ist. Die Räume sind voller Spuren ihrer Geschichte, sind in alten Palais, haben den Glanz der glorreichen Vergangenheit verloren.  In ihrer vollen Größe erinnern sie an ihre ursprüngliche, repräsentative Funktion. Der leere Raum wird zur Kulisse, zur temporären Bühne und zum Atelier, in dem sie den sich bewegenden Körper am Papier und den bereitliegenden Leinwänden im Moment einzufangen sucht.  Auch darüber hinaus bleibt er bedeutsam in den Fotos und Filmen, die daraus entstehen. 

Tanz
Die Tänzerin agiert ohne Drehbuch entlang einer Erzählung, die von sehr persönlichen, emotionalen Erlebnissen spricht. Butoh heißt dieser ausdrucksstarke, japanische Tanz, der immer eine höchst expressive, emotionale Performance ist. Mit starken Gebärden, langsamen Bewegungen wirkt der formlose unermüdlich körperliche Tanz streng und geheimnisvoll. Man nennt ihn auch den schwarzen Tanz, bei dem der Körper als Instrument transzendentaler Metamorphosen und Verwandlungen zwischen verschiedenen Welten fungiert. Butho schöpft aus dem Körpergedächtnis, das genetisch, biografisch und kulturell geprägt ist. 

Die Kraft des unverhüllten Körpers ist eine sehr   direkte, sie berührt in der Erzählung, deren Wirkung vor allem durch die Reduktion entsteht. Steigerung findet der Tanz in den großen ausdruckstarken Bildern des Films im Hintergrund, der in einem stillen Schrei einen Höhepunkt findet. Ohne Worte erfährt man feinfühlig von Verletzbarkeit und Verletzung.

Körper
Der tanzende Körper im Butoh ist nackt, oft mit weißer Farbe bedeckt, um von der Nacktheit die Konzentration auf seine skulpturale, künstlerische Form zu legen. „Der Körper engt mich manchmal ein“, sagt Ines Valentinitsch und gleichzeitig befreit sie ihn von allem äußeren. Auch sie ist unbekleidet während des Malens und auf der Bühne als Gegenüber für die Tänzerin und das Publikum immer präsent. Die weiße Farbe bedeckt hier aber nicht den Körper der Tänzerin, sondern ist die Malfarbe, mit der die Künstlerin die dunkel grundierten Leinwände bearbeitet, in dem sie in hohem Tempo die Bewegung, den Rhythmus und die Proportion der Tänzerin einfängt. 

Sei ganz du selbst – be you to the full, befreit von allen Äußerlichkeiten, schutzlos ausgesetzt in der Kraft jedes Momentes im Flow des sich ergebenden Ablaufs. 

Nackt
Ines Valentinistsch malt nackt, auch wenn sie allein im Galerieraum arbeitet. Der unbedeckte Körper ist eine enorme Projektionsfläche für kunsthistorische Perspektiven wie für voyeuristische Antizipationen. Do you love me or do you love my body?  

In der europäischen Kunstgeschichte findet sich der weibliche nackte Körper spätestens seit den Göttinnendarstellungen der Antike in vielen verschiedenen Ausdrucksformen, meist idealisiert, den Schönheitsbildern der jeweiligen Zeit entsprechend, oft erotisiert. Nie ist die Nacktheit neutral. In der Sündenhaftigkeit des christlichen Mittelalters steht der entblößte Körper für die Versuchung, wird als Eva zur moralischen Gefahr und im dargestellten Fegefeuer als Warnung für die Lasterhaftigkeit. In der Moderne löst sich die Körperlichkeit vom Symbolhaften, verliert die über- und unterirdischen Dimensionen zugunsten unmittelbarer Realitäten. Frauen werden als Modell sichtbar und dienen dem Aktstudium in der Malereiausbildung. Künstlerinnen wird der Zugang zu Akademien lange Zeit genau deshalb verwehrt. Das Studium nackter Körper sei für Frauen (aus gutem Hause) moralisch verwerflich. Als nacktes (sozial unbedeutendes) Modell sind ihre Dienste gleichzeitig gewünscht. Für lange Zeit bestimmt der männliche Blick wie nackte Frauen in der Kunst dargestellt werden und dadurch auch zu sehen sind. Durch die Befreiung aus dieser Objekthaftigkeit wird der nackte Frauenkörper zusehends subjektiviert. Künstlerinnen erkennen ihn als politisches Feld, setzen ihn - wie etwa Marina Abramovic - in Performances bis zur (Selbst)verletzung ein und liefern ihn völlig aus. Es geht um das Recht auf Selbstbestimmung und den Anspruch der Selbstermächtigung. Der weibliche Körper ist politisch, insbesondere dann, wenn es um Machtverhältnisse, Reproduktionsfähigkeit und Fürsorge geht.

Ines Valentinitsch befreit sich durch ihre Kunst von vielen inneren und äußeren Zwängen. Selbstermächtigung, Unabhängigkeit und das Loslassen von Schönheitsidealen ermöglichen ihr eine Konzentration auf das innerste Sein – ohne modischen Ausdruck und ohne äußere Identitätskonstruktion. Ihr Vorgehen ist dabei weniger extrovertiert, weniger exponiert als vielmehr expressiv und unmittelbar, darstellend wie malerisch. Sie widerspricht deutlich der Annahme, dass Nacktheit einem Lustversprechen gleichkommt, führt vor, dass ein nackter Körper per se nicht anzüglich ist. Er ist was er ist, befreit und schutzlos, radikal entblößt, physisch und psychisch zugleich.   

Freiheit
Der Feminismus hat den weiblichen Körper als Ort der Unterdrückung verstanden, als Ort, der dann politisch wird, wenn patriarchale Kräfte über ihn bestimmen. Für Hanna Arendt beginnt Freiheit mit der Befreiung von äußeren Zwängen, sie ist für sie kein innerlicher Zustand, sondern eine öffentliche, politische Praxis. Die Freiheit frei zu sein ist deshalb auch keine Selbstverständlichkeit. Befreit zu sein von allem Äußeren ermöglicht Neues zu schaffen und ein Handeln, dass sich nur in Gemeinschaft vollständig erfüllt. Denn frei sein können Menschen immer nur im Bezug zueinander, so Hanna Arendt. In einer digitalen Welt wird die Freiheit auf eine harte Probe gestellt. Selbstoptimierung und Selbstausbeutung prägen eine neoliberale Psychopolitik, die es versteht, Menschen zur permanenten Selbstverbesserung anzutreiben. Neuere innere Zwänge machen auf andere Art und Weise unfrei. Im virtuellen und damit schier unendlichen Vergleichsraum wird der (eigene) Körper erneut als Objekt konstituiert. 

Ines Valentinitsch befreit sich für ihre Malerei davon. Für den Moment stellt sie einen Raum von Freiheit her, die eine zeitvergessene Verbundenheit mit dem eigenen Selbst preisgibt. Jenem Selbst, dem man nur begegnet, wenn man ihm die Gelegenheit schenkt, schlicht zu sein, ohne zu wollen und ohne zu bewerten, um zu beobachten, was sich ergibt. 

Bilder
Die Malerei von Ines Valentinitsch entsteht im performativen Akt, als Antwort auf die Bewegungen der Tänzerin und die Musik. Manchmal ist ihr gegenüber auch sie selbst, ihr Spiegelbild, die subjektive Wahrnehmung des eigenen Körpers im Moment. Ihre Bilder sind großformatig in kraftvoller Gestik auf die Leinwand gesetzt, mit schnellem Strich aufs Papier gezeichnet oder in zarter Aquarellfarbe aufs Papier geflossen. Vieles entsteht dabei als Serie. Ines Valentinitsch kennt die körperlichen Proportionen, weiß worauf es ankommt, und verschiebt sie im Moment der Wahrnehmung. 

In den Aquarellen, wo das Rosa in scharf umrissenen Farbefeldern zerfließt, verschwimmen die Körpergrenzen, werden weich und in ihrer Weiblichkeit betont. Sie erinnern an die Körperbilder von Marlene Dumas, die ebenso oft nackt, verletzlich, aber auch erotisch und verstörend empfunden werden. 

Günter Brus, der Ines Valentinitsch in ihrer künstlerischen Laufbahn bestärkt hat, hat seinen Körper als Mittel zur Kunst verstanden, als Rohmaterial und Ausdrucksträger existentieller Erfahrungen. Mit seinen Aktionen ging er zu seiner Zeit an die Grenzen der Kunst, der Gesellschaft, vor allem aber auch die eigenen. Während Günter Brus die Leinwand als Bildträger verließ, um damit auch den bürgerlichen Kunstbegriff zu attackieren, beschäftigt sich Ines Valentinitsch mit gesellschaftlich vorgegebenen Körperbegriffen, die sie mit ihrer Malerei und in ihren Performances auflöst. Sie schält den Körper aus seiner ästhetischen Hülle und schenkt seinem Wesen die ganze Aufmerksamkeit.

Dr. Monika Holzer-Kernbichler ist Kunsthistorikerin und Leiterin der Kunst- und Architekturvermittlung - Kunsthaus Graz, Neue Galerie Graz, Österreichischer Skulpturenpark - am Universalmuseum Joanneum


Ines Valentinitsch, "Der Kuss", Öl auf Leinwand, 50 cm


Ines Valentinitsch, Live-Performance Painting, „Sunny moment“, 2024, 237 x 155 cm


Live-Performance mit Ines Valentinitsch und der Ausdruckstänzerin Veronica Vetrila am 10.5.2025 im Palais Dietrichstein im Rahmen der Eröffnung der Ausstellung von Ines Valentinitsch BE YOU TO THE FULL in der Galerie ROOM OF FINE ARTS in Graz.
Foto: Alexandra Gschiel