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CLEMENS LUSER 21.11.2025 - 16.1.2026

CLEMENS LUSER 21.11.2025 - 16.1.2026

Clemens Luser, Deep green_case study house, 104 x 78 cm

Elisabeth Fiedler, Kunsthistorikerin, schreibt über Clemens Luser und seine Ausstellung "Lost at last" im ROOM OF FINE ARTS:

Reale Landschaftsszenarien, Felsformationen, Berge, Gebirgszüge oder Primärwälder sind ebenso Ausgangsbasis der Arbeiten von Clemens Luser wie vom Menschen definierte Eingriffe.

In Handzeichnungen skizziert er gleich einem Forscher im Humboltschen Sinn in feinen Linien konkrete Orte in abstrahierter Bildsprache. Als in Vektoren umgewandelte digitalisierte Zeichnungen geraten diese Kreidegravuren entweder auf Hochglanz Schwarz oder Weiß pulverisierte Alu Dubond-Tafeln. Die Handzeichnung wird dabei mittels Stiftplotter in die Oberfläche graviert. Parallel zu einem erodierenden Prozess, der die Abtragung von Gestein und Boden durch Wasser, Wind oder Eis charakterisiert, durchbricht Luser eine durch Verwitterung gekennzeichnete Oberfläche, die schließlich, je öfter sie graviert wird, abzublättern beginnt.

In der Erkenntnis, dass geschlossene Formen Brüche im System darstellen, formuliert er bekannte Berge, wie Matterhorn, Triglav, Erzberg oder Steinkarspitze, in immer stärker abstrakt und losgelöst erscheinenden Schraffuren und erschüttert damit gängige Vorstellungen vertrauter Klischees. Gleichzeitig verweigert er jeden Versuch einer illusionistischen Abbildung idyllischer Landschaftsphantasien und schafft stattdessen eindringliche, gleichzeitig massiv und fragil erscheinende Formationen, die sich irritierend zu bewegen und flimmern scheinen und sich jeder Stabilitätsvorstellung entziehen. Höhenangaben und tektonische Benennungen verschwimmen dabei ebenso wie sich digital erzeugte Schraffuren den vibrierenden Felsblöcken einzuschreiben versuchen.

In Folge verbindet Clemens Luser Zeichnung mit Malerei. Auf diese Malerei, die sich konturlos an vom Künstler wahrgenommenen Gegebenheiten orientiert legt er digitalisierte Handzeichnungen, die mittels Einsatzes einer Vektordatei, deren Ausgangsmaterialien aus Kurven und Linien bestehen, zur Architekturzeichnung und -grafik mutieren. Dieser Einsatz digitaler Strukturmittel verdeutlicht die Interaktion zwischen „natürlichen“ Gegebenheiten und menschlichem Eingriff, was sich auch durch die Einführung architektonischer Fragmente vibrierend zu manifestieren sucht. Luser verdeutlicht diese Szenarien als spannungsgeladene Korrespondenzen zwischen technischer Zeichnung und freier Malerei. Teilkolorierte Acryl-Handzeichnungen auf Alu Dibond erscheinen unter der Überlagerung des orientalischen Fliesenmusters Girih. Dessen fünf verschiedene Formen können zu einem endlosen Netzmuster verbunden werden, mit dem der Künstler als abstrahiertem Ordnungssystem und gedachter Matrix gleich einer übergestellten Ordnung spielt. In gebrochener Darstellung überzieht er damit seine Zeichnungen, wobei deren Brüchigkeit festgelegte Systeme einmal mehr als Konstrukte entlarvt.

Bereits hier erkennt man, dass es Clemens Luser um die Durchdringung von ursprünglicher Natur und menschlich definierten Orten, unter anderem als Architektur, geht. Dabei referenziert er unter anderem auf Deep Ecology von Timothy Morton. Morton konstatiert, dass Natur aus anthropozentrischen Nachhaltigkeitsideen ausgeschlossen worden war und nun wieder integriert werden müsse, woraus sich die Frage stellt, ob die Diskrepanz zwischen Künstlichkeit und Natürlichkeit haltbar sei und als überkommenes Konzept scheitern muss.

In einem weiteren Schritt begibt sich Clemens Luser in das Urwaldgebiet Auwald am Lech und den Nebelurwald auf La Gomera. Auf einer konturlos als fleckige, ausufernde, bewegte und nicht fassbare Licht-Schatten-Malerei entwickelt er mittels präziser Zeichnung, die mit der Malerei nicht in Deckung gebracht werden kann und will, unterschiedliche Fokussierungen bzw. Relationen. 

Aus dem Interesse des Künstlers an der Spannung zwischen Wildnis als weitest entferntem Raum und anthropozentrischen Eingriffen resultiert eine spezifische tiefenräumliche Wirkung, die durch das Zeichnen von Vorne nach Hinten entsteht. Daraus ergibt sich ein breites Wechselspiel von Dimensionen und Größenverhältnissen, Entfernung und Nähe, von Dickicht und Durchsicht sowie Abstraktion und Naturalismus, das uns in unterschiedlichen Schärferelationen irritierend ein- sowie aufnimmt. Dabei werden wir in Bewegung versetzt, schwirren und verirren uns gleichzeitig in den einzelnen Ebenen. Gleichzeitig werden wir im Spiel zwischen Beobachtung, die uns vor der Verdichtung fernhält und einem intrinsischen Wissen darüber, dass wir Bestandteil dieser Natur sind, in unterschiedlichen Intensitäten in die Bilderwelt Clemens Lusers eingesogen. Diese Hybrid aus natürlichen und künstlichen, analogen und digitalen Techniken und Ausdrucksformen ist im Arbeitsprozess des Künstlers selbst verankert. Der Farbauftrag reagiert auf dem Bilduntergrund Alu Dubond. Dieser lässt Farben stehen, sich vernetzen, zusammenrinnen oder ausreißen. Damit entführt uns Luser gleichermaßen in unentschlüsselbare Geheimnisse wie in Auflösung und suggeriert uns Verdrängung ebenso wie Bewegung und Offenheit. 

Teilweise nicht entzifferbare Texte, wie z.B. Wer mich hier sucht wird mich nicht finden, NESSUNO (Niemand) oder Textfragmente ziehen uns dabei in enigmatische Mysterien, deren Flüstertöne wir zu hören vermeinen. In eine andere Arbeit schreibt er aus Beklemmung durch den feuchten Nebel in der Stille des Urwalds auf La Gomera Raso de Bruma (nebeliger Sumpf) ein. Daraus entwickelt er eine Form des Schüttelreims. Dabei werden Buchstaben ausgetauscht oder die Leserichtung umgekehrt. So wird auch hier klar, dass gängige Normen sich auflösen und keinen ablesbaren Sinn mehr ergeben und stattdessen neue Theoreme der Koexistenz aller Wesenheiten gefunden werden müssen. In einer anderen Arbeit scheint ein glaskuppelähnlich strukturiertes Gebilde über die Natur gestülpt, gerastert, damit gleichsam als Labor ausgewiesen, aber auch als Glass Dome lesbar. 

Gleich einem sensibel reagierenden Nervensystem durchwirken Lusers charakteristische Feinzeichnungen diese rätselhaften Welten, in die er uns entführt.

Wildnis und zivilisatorische Formgebung schließen einander ebenso wenig aus wie analoge Malerei und digitale Technologie. Dennoch erscheint deren Bezogenheit aufeinander einerseits als logisch und nachvollziehbar, andererseits als Polarität, der wir ausgesetzt zu sein scheinen. Clemens Luser bewegt sich innerhalb dieses Spannungsverhältnisses, wobei sich in seiner Arbeit nicht nur malerische und architektonische Stilismen einschreiben. Räumliche Tiefenschichtungen, Überlagerungen und Transparenz diverser Techniken sowie Sprache, Verwebung von Text, Zeichnung und Malerei geleiten uns somit im postmedialen Zeitalter in divergente und doch aufeinander bezogene Realitätsebenen. Zwischen feiner Ziselierung und impulsiv erscheinender gestischer Ausdrucksweise oszillierend löst sich der Künstler von starren Zuschreibungen und Weltauffassungen. In dieser Durchdringung von sogenannter ursprünglicher Natur und menschlichem Eingreifen können wir uns dieser fragilen Durchlässigkeit einschreiben und endlich, lost at last, darin verloren gehen. Einmal mehr wird hier ersichtlich, dass geschlossene Formen weder möglich noch haltbar sind, also eine Illusion darstellen.

In diesem Sinn arbeitet Clemens Luser schließlich an einer weiteren Form dreidimensionaler Skulpturen unter Einsatz der fortschrittlichsten und speziellen 3D-Drucktechnik. Im Verfahren des Laser-Sinterns, mit dem Aluminium, Kupfer und Titan gedruckt werden kann, entwickelt Luser seine neueste Arbeit, die sich sinnstiftend gibt, tatsächlich aber vom Hoffen und ständigen Scheitern spricht. Dabei bewegt sie sich aus der Fläche in den Raum. In seiner eigenen Handschrift schreibt der Künstler die beiden Sätze:

am anfang weiß keiner wie es enden wird sowie

am ende weiß keiner mehr, was am anfang war

als ausweglos sich zueinander verhaltende Aussagen. Diese sich in einer Unendlichkeitsschleife ineinander und in den Raum krümmenden Sätze werden eine Skulptur formen, innerhalb derer wir unsere Körper bewegen müssen, um die Sinnlosigkeit dieser Spiralsituation und in ihrer Inhaltlichkeit nachvollziehen zu können und gleichzeitig ergebnislos mit ihr konfrontiert zu werden.

Elisabeth Fiedler